Über den richtigen Moment und andere Irrtümer

Es war einmal ein kleines blondes Mädchen. Dieses Mädchen war noch sehr unschuldig und gerade dabei, die Welt zu entdecken. Wie viele andere Menschen des Planeten Erde litt auch dieses kleine Mädchen unter einem weit verbreiteten Übel oder sagen wir besser, sie litt unter einem großem Irrtum. Was war dieser Irrtum?

Sie litt unter Ungeduld.
Sie glaubte wie fast alle Menschen, dass der richtige Zeitpunkt genau dann sei, wenn ihre Ungeduld so groß wurde, dass sie sie nicht mehr zügeln konnte. Genau dann sei der richtige Zeitpunkt. Das fühlte sich richtig an.

Eines Tages im Frühling als die ersten wärmenden Sonnenstrahlen die Erde erwärmten und erfreuten, sprang das kleine Mädchen fröhlich über eine Wiese. Auf dieser Wiese entdeckte das kleine Mädchen eine Blume, die schon recht hoch gewachsen war. Doch die Blume war noch verschlossen.

Das kleine Mädchen wollte so gern wissen, ob die Blume innen wohl rot, blau, gelb, lila oder vielleicht orange oder weiss war. Es war so neugierig und so ungeduldig. Also stellte es sich vor die Blume und sagte: „Liebe Blume, bitte öffne dich und zeige mir deine Farbe.“ Nichts geschah, die Blume schaukelte weiter im Wind, gelassen und voller Ruhe. Da spürte das kleine Mädchen, wie die Ungeduld in ihr immer mehr wuchs, sich ihr Magen verkrampfte, ihr ganz heiss wurde und sie wiederholte etwas energischer: „Liebe Blume, bitte blühe für mich und zeige mir dein Innerstes.“ Nichts geschah, die Blume, liess sich weiter vom Wind schaukeln und genoss, wie der Wind ihre Blätter und das Äußere ihrer Blütenblätter streichelte.

Langsam verlor das kleine Mädchen die Geduld und wurde ärgerlich: „Du böse Blume, warum blühst Du nicht? Ich habe nicht mehr viel Zeit, um hier auf der Wiese zu sein und darauf zu warten, dass du dich öffnest, ich muss bald nach Hause und meine Hausaufgaben machen. Nun blühe doch endlich, das kann doch wohl nicht so schwer sein.“

Weg war die Fröhlichkeit
In der Blume verkrampfte sich etwas,  sie verstand nicht die Worte des Mädchen und deren Bedeutung, denn diese Sprache der Menschen war ihr fremd. Doch sie war sehr sensibel und spürte die andere Energie, die von diesem Wesen vor ihr ausging. Da war auf einmal so etwas Hartes, Verbittertes, Ungeduldiges und Kaltes... All die Natürlichkeit, Wärme, das Licht, die Fröhlichkeit waren weg... nicht mehr zu spüren... 

Das Mädchen war inzwischen so wütend und enttäuscht, dass es der Blume am liebsten den Kopf abgerissen hätte oder ihre Blätter einzeln abgepflückt hätte, um zu sehen, wie diese doofe Blume, die einfach nicht blühen wollte, wohl von Innen aussah. 

Plötzlich… die Stimme
Plötzlich war da diese Stimme im Mädchen, die sagte:“Mache das nicht. Das ist nicht freundlich. Habe Geduld und du wirst reicher beschenkt als du es dir jetzt vorstellen kannst.“ Das kleine Mädchen war verwirrt als es diese Stimme in sich hörte. Wo kam die her? Was sollte das? Sie spürte, dass sie dieser Stimme besser folgen sollte und trottete trübselig nach Hause.

All das Grün, die Wolken, die Bäume, die Vögel, die sangen und die Frösche, die quakten, nahm sie gar nicht war. Ihre ganze Aufmerksamkeit war auf die doofe Blume gerichtet, die immer noch verschlossen war. Was für ein enttäuschender Nachmittag. Was für ein Pechvogel sie doch war. Immer passierten ihr diese schlimmen Dinge. Nie bekam sie von den anderen das, was ihr zustand... Sie fühlte sich wie das bemitleidenswerteste kleine Mädchen in ihrem ganzen Dorf, vielleicht sogar der ganzen Welt. Und schon beim Gehen malte sie sich aus, wie sie ihrer Mutter von der doofen Blume erzählen würde, die einfach zu blöd war, zu blühen. Und ihre Mutter, ja, die würde sie bestimmt verstehen und ihr Recht geben und sagen: „Du Arme, das hast du wirklich nicht verdient.“

Kommt dir das irgendwie bekannt vor?

Kennst du vielleicht dieses kleine Mädchen?

Das war ich
Ich kenne sie gut. Denn das war ich. Das war ich, als ich glaubte, dass der richtige Moment dann sei, wenn ich glaubte, dass der richtige Moment sei.

Wann sich meine Bonus-Kinder endlich für mich öffnen sollten, wann endlich der richtige Moment sei, dass ich auch mal mit auf ein Schulfest gehen könne, wann wohl endlich bessere Stimmung Zuhause wäre, wann er darüber hinweg sein sollte...

Es gab so viele Momente, in denen ich so litt, wie dieses kleine Mädchen und nicht einsehen wollte, dass der richtige Zeitpunkt nie ist, wann ich es glaube, sondern genau dann, wenn es in der Realität passiert. Keine Sekunde früher. 

Und dann auf einmal passierte es. „Kerstin, kommst du mit auf das Schulfest?“ 

Schock, damit hatte ich gar nicht gerechnet, Unsicherheit, ob das nun der richitge Moment sei, oder ich besser zu Hause bleiben sollte, Angst davor, meine Emotionen nicht im Griff zu haben, sollte etwas „schief“ laufen...

Die Blume hatte sich geöffnet einen kleinen Spalt und liess erahnen, dass in ihrem Innersten etwas Wunderschönes verborgen war. 

War ich in der Lage all die Schönheit, Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit zu erkennen und sie zu beobachten wie eine Blume? Zu staunen über das Wunder, das gerade passierte, als ich überhaupt nicht damit gerechnet hatte?

Und die Moral von der Geschicht…
Und die Moral von der Geschicht? Die Blume öffnet sich, oder nicht.

Die Frage ist, wie ich mit der Blume umgehe, ob ich etwas erwarte, oder ob ich einfach nur staunend und dankbar durch die Gegend laufe und all die anderen Bäume, Wolken, Vögel und Frösche wahrnehme, während die Dinge ihren ganz natürlichen Lauf nehmen.

Als Bonus-Mama ist mein Herzensratschlag, sehr aufmerksam in mich hineinzuhören, wann mein Ego glaubt, dass nun der richtige Zeitpunkt sei. Wie gestern Abend, als meine Bonus-Tochter den zweiten Abend hintereinander an mir vorbeilief ohne mich zu begrüßen. Ich war stinksauer auf sie, und ließ es sie durch Schweigen spüren. Gott sei dank hörte ich dann die Stimme, die sagte: 

“Mache das nicht. Das ist nicht freundlich. Habe Geduld und du wirst reicher beschenkt als du es dir jetzt vorstellen kannst.“

Ich öffnete mich, und wir beide hatten einen wunderbaren Abend, sassen stundenlang zu zweit in der Küche und quatschen über dies und jenes. Irgedwann öffnete ich mich noch ein wenig mehr, und offenbarte mein Inneres, in dem ich sagte: „Es hat mir weh getan, dass du mich gestern und heute nicht begrüßt hast.“ Darauf sagte sie: „Ich war sauer, nicht wegen Dir. Du kennst mich doch, dann brauche ich erst meine Zeit. Das hat nichts mit Dir zu tun.“ So weise – diese kleine Blume.

Foto: Willi Klingebiel